25.
Juli

Berlin platzt aus allen Nähten. Nicht nur bezahlbarer Wohnraum in der Stadt wird immer knapper – auch Wohnraum ganz allgemein ist zu einem rar gesäten Gut geworden. Doch die Attraktivität der Hauptstadt nimmt zu und lockt jährlich etwa 50.000 Neuberliner an. Es stellt sich zurecht die Frage, wo diese Menschen in den nächsten Jahren unterkommen sollen. Auch die Versorgung mit Bürogebäuden, Parkplätzen, modernen Schulgebäuden und ausreichenden Kitaplätzen ist nicht mehr hinreichend gegeben. Pro Jahr zählen etwa 13 Millionen Touristen zu den Besuchern der Hauptstadt, die ebenfalls irgendwo unterkommen müssen. Dazu kommen tausende Pendler, Geschäftsleute, Politiker, Besucher von Kulturveranstaltungen sowie Messeaussteller samt Publikum.

Das Konzept von Verdichtung und Nachverdichtung

Der Berliner Senat versucht, diesem Trend mit den Konzepten von Verdichtung und Nachverdichtung zu begegnen. Der knappe Raum soll effizienter genutzt werden. Verdichtung soll über Aufstockung und Anbau an bereits vorhandenem Wohnraum erreicht werden. Aber auch höhere Gebäude sollen gebaut werden. Der Hochbau hat Konjunktur.
Bisher ungenutzte Flächen sollen dem Wohnungsbau im Rahmen der Nachverdichtung zur Verfügung stehen. Diese umfassen den Raum zwischen einzelnen Gebäudezeilen, Parkplätze, Brachen und auch Grünflächen.
Allerdings birgt die Nachverdichtung erhebliches Konflikt-Potential, denn sie verringert den Lebensraum und damit auch die Lebensqualität der Anwohner.

Supermarkte-Ketten stellen Wohnraum über den eigenen Märkten zur Verfügung

Zu den Maßnahmen der Verdichtung zählt unter anderem, dass niedriggeschossige Ladenflächen vermieden werden sollen. Der Discountmarkt Aldi plant daher, seine Ein-Geschosser abzureißen und an deren Stelle Geschäfte mit aufgesetzten Wohnungen zu schaffen. Auch die Parkflächen sollen für den Neubau von Wohnungen genutzt und in Tiefgaragen verlegt werden.
Bis 2030 sollen in 30 Projekten dieser Art etwa 2.000 neue Wohnungen geschaffen werden. Auch Lidl hat bereits ein solches Projekt in Berlin begonnen.


Aldi plant Immobilienprojekt zur Nachverdichtung Berlins, ©Aldi-Nord

Berlinweit sind 50.000 neue Wohnungen in Modulbauweise möglich

Die sogenannte Modulbauweise stellt die vielversprechendste Methode dar, mit der sich das Konzept der Verdichtung effizient umsetzen lässt. Dazu werden Wohnungen aus vorgefertigten Modulen auf den Dächern bestehender Miethäuser zusammengesetzt. Der Vorteil liegt in der verkürzten Bauzeit über die Serienproduktion der einzelnen Module. Auch die Genehmigungsfristen verkürzen sich bei baugleichen Wohnungen.
In ganz Berlin könnten 50.000 neue Wohnungen auf diese Weise entstehen, sagte der ehemalige Bausenator Andreas Geisel im Jahr 2017.
Unter anderem plant die Wohnungsbaugenossenschaft Mitte (WBM) ein solches Projekt an der Stralauer Allee. Auch die Aufstockung der viergeschossigen DDR-Bauten des Rudolfkiezes in Berlin-Friedrichshain um zwei weitere Etagen wurde thematisiert. Aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen den Bauherren und den Mietern ist der Baubeginn erst ab 2020 geplant.

300 neue Kitaplätze für Berlin mit Hilfe der modularen Bauweise

Fest steht die Aufstockung von Kitas in modularer Bauweise. Im Herbst 2018 soll mit dem Bau begonnen werden, im Frühjahr 2019 sind die ersten Fertigstellungen zu erwarten. Insgesamt sollen 3.000 neue Kitaplätze an 16 Standorten in Berlin geschaffen werden.

Mikroapartments entsprechen dem Trend der zunehmenden Verdichtung von Lebensraum

Auch der Trend zum Bau von Mikroapartments greift das Thema Verdichtung auf. Mikroapartments sind besonders kleine möblierte Einraumwohnungen von 14-32 m2, in denen Küche, Wohn- und Schlafraum ineinander integriert sind. Zugeschnitten sind sie für die Bedürfnisse von Studenten, Fernpendlern, Singles und Touristen. Ihr Design und Service ist an Hotelapartments orientiert und setzt dem Wohnungsmangel ein gelungenes Gegengewicht.
An der Lehrter Straße, in der Nähe des Hauptbahnhofes, entsteht bis 2019 der „Fritz Tower“, in dem sich auf 18 Etagen 266 Mikroapartments in gehobener Ausstattung befinden sollen. Die Wohnungen werden 22 bis 54 m2 groß sein.
Besonderheiten des Projektes sind der gemeinsam nutzbare Co-Working-Space und ein angeschlossenes Fitnessstudio.

In Berlin Lichtenberg entstand ein Wohnheim mit fast 300 Wohnungen speziell für Studenten, aber auch Singles und Fernpendler zählen zu den Mietern. Der Enge einer kleinen Wohnung versuchen die Bauherren mit Zusatzleistungen zu begegnen: Gemeinschaftsräume, gemeinschaftlich nutzbare Dachterrassen, Waschsalons und Fahrradstellplätze stehen den Bewohnern zur Verfügung. Dazu gibt es eine Eventküche, ein Fitnessstudio und einen Concierge. Auch eine App zum Bekanntgeben von Neuigkeiten und Feierlichkeiten wurde von den Betreibern bereitgestellt.

Hochhäuser sorgen für eine effiziente Raumnutzung

Eine besonders effiziente Möglichkeit, mehr Wohnraum auf kleiner Fläche zu generieren, besteht im Bau von Hochhäusern.
So wurde 2017 in der Fanny-Zobel Straße direkt an der Spree mit der Neuerrichtung von drei Punkthochhäusern begonnen. Entsprechend der neuen Bauvorschriften des Berliner Senats handelt es sich dabei um eine Verbindung aus Laden- und Wohnflächen. Die Wohneinheiten, zu denen auch ein Hotelbereich zählt, liegen auf insgesamt 39.000m2 und umfassen 209 Wohnungen.

Auch der Capital Tower am Alexanderplatz gehört zum neuen Trend der Verdichtung. Auf 29 Stockwerken sollen 377 Wohnungen zwischen 30- und 250 m2 entstehen. Mit 150 Metern Höhe wird er das höchste Wohngebäude der Stadt. 2021 soll der Bau fertiggestellt werden.

Der Estrel-Tower in Berlin–Neukölln wird mit 175 Höhenmetern das wohl höchste Gebäude der Stadt. 814 zusätzliche Zimmer stehen dem Hotel als Europas größtem Messe- und Kongresszentrum bei Fertigstellung zur Verfügung. Insgesamt beherbergt es dann 2.000 Zimmer.
Hochhäuser sind in vielen Metropolen der Welt wichtiger Bestandteil des Stadtbildes. Ein Trend der sich auch zunehmend in Berlin ankündigt.

Nachverdichtung verringert Lebens- und Erholungsraum

„Wenn wir über Bevölkerungswachstum reden, ist die Nachverdichtung das Thema schlechthin“, sagt Lars Ernst, Vorstand der WBM. In den Bezirken Mitte und Friedrichshain habe die WBM 70 Verdichtungsflächen ausgemacht. Da den bisherigen Mietern durch eine konsequente Umsetzung Platz zum Leben und Erholen verloren geht, könnte gerade die Nachverdichtung zu Konflikten führen. Ernst Lars betont jedoch, dass die Menschen erkennen sollten, „dass wir alle zusammenrücken müssen für die wachsende Stadt, mit allen Chancen, die damit verbunden sind“.
Senatsbaudirektorin Regula Lüscher plädiert dagegen für eine Nachverdichtung, die sich „ganz niedrig, wie ein Teppich zwischen die Zeilen legt.“

Kleingartenanlagen stehen unter Schutz

„Der Druck auf die Freiflächen wird immer größer“, sagte Marc Schulte, Stadtentwicklungs-Stadtrat der SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf. Immerhin stimmten die Bezirksverordneten von Charlottenburg-Wilmersdorf einstimmig für den Erhalt und Schutz aller Kleingartenflächen. Gerd Unger von der Groth-Gruppe hält Schrebergärten in einer Millionenmetropole wie Berlin im innerstädtischen Bereich mittlerweile allerdings für „nicht hinnehmbar“.

Gradwanderung zwischen Verdichtung, Nachdichtung und dem besonderen Flair der Stadt

Die Wohnraumknappheit ist aktuell das wohl wichtigste Thema in der Hauptstadtentwicklung. Wichtig scheint es vor allem, langfristige Pläne zu entwickeln, damit die Attraktivität Berlins auch auf lange Sicht erhalten bleibt.
Berücksichtigt werden muss zudem, dass gerade die weiten Flächen der Stadt mit ihren breiten Alleen und vielen Parks zum Markenzeichen geworden sind. Eine Gratwanderung zwischen effektiver Raumnutzung und dem Erhalt des typischen Charakters von der Hauptstadt, die Freiraum liebt und atmet, scheint die große Herausforderung an die Raumplaner und Bauherren in den nächsten Jahren zu sein – damit die Anziehung der deutschen Hauptstadt nicht in einer allzu großen Gebäudedichte erstickt.

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